Feierabend, aber der Kopf ist noch im Büro
Mittwoch, 20:15 Uhr, Abendessen. Die Nudeln sind gut. Das Gespräch am Tisch auch. Es geht um den Elternabend, die Urlaubsplanung und um den Nachbarn mit dem neuen Rasenmäher.
Martin nickt. Er sagt „Ach was“ und „Echt?“. Er ist trotzdem nicht da.
In seinem Kopf läuft noch die Besprechung von 16 Uhr. Die Zahl, die nicht stimmt. Die Mail, die er noch schreiben muss. Die Frage, wer das Projekt übernimmt, wenn der Kollege ab Montag ausfällt. Antwort: er. Wie immer.
„Hast du mir zugehört?“
Hat er nicht. Er entschuldigt sich. Später, auf dem Sofa, schaut er noch mal kurz aufs Handy. Nur ganz kurz. Es wird eine Stunde.
Um zwei Uhr nachts liegt er wach. Der Kopf arbeitet weiter. Der Körper ist müde. Beide sind sich nicht einig, wer gewinnt.
Was dahintersteckt
Stress als Führungskraft ist normal. Ein bisschen Druck gehört dazu, manchmal macht er sogar wach und kreativ. Kritisch wird es, wenn der Druck nicht mehr nachlässt. Wenn aus „gerade viel“ ein Dauerzustand wird. Und wenn der Feierabend nur noch auf dem Papier steht. Drei Muster begegnen mir dabei immer wieder.
„Wenn das Projekt durch ist, wird es ruhiger“
Das ist der beliebteste Satz in Führungsetagen. Er stimmt nur leider nie. Nach dem Projekt kommt das nächste. Nach dem Quartal das nächste Quartal. Die Pause wird immer weiter nach hinten geschoben. Wie ein Urlaub, den man nie bucht.
Der Kopf ist laut, der Körper wird überhört
Der Körper meldet sich früh. Ein enger Brustkorb. Verspannter Nacken. Schlechter Schlaf. Die Sonntagabend-Übelkeit. Der Kopf hat dafür keine Zeit. Er hat eine Liste. Viele erzählen mir hinterher: „Eigentlich wusste ich es. Mein Körper hat es mir wochenlang gesagt. Ich habe nur nicht hingehört.“
Die Verantwortung hat kein Ende
Wer führt, fühlt sich verantwortlich. Für Ergebnisse, für Menschen, für die Stimmung. Und wenn jemand ausfällt, springt man ein. Das ist anständig. Aber es hat einen Preis. Und den bezahlt nicht die Firma, sondern du. Abends um zwei Uhr.
Das Tückische: Überforderung kommt selten mit einem Knall. Sie schleicht sich an. Deshalb lohnt sich der Blick zurück. Auf den Weg, der hierher geführt hat.
Die Methode: die berufliche Lebenslinie
Die Lebenslinie ist eine Methode aus der systemischen Beratung. Normalerweise legt man damit den eigenen Lebenslauf aus. Für Stress und Überforderung nutze ich eine kürzere Variante: die berufliche Lebenslinie. Sie umfasst nur die letzten Monate oder Jahre. Wir legen sie mit einem Seil auf den Boden, und du gehst sie ab.
Das klingt simpel. Es ist erstaunlich, was dabei sichtbar wird. Im Gespräch erzählt man Ereignisse. Auf der Linie spürt man sie.
So läuft es ab
1. Den Zeitraum wählen. Wo fängt die Geschichte an? Mit dem Wechsel in die Führungsrolle? Mit dem großen Projekt? Mit dem Moment, in dem es zum ersten Mal zu viel wurde? Du entscheidest.
2. Karten schreiben. Eine Karte für den Anfang, eine für heute. Dazu fünf bis sieben Ereignisse, die dir wichtig sind. Zum Beispiel: „Projektstart“, „Kollege fällt aus“, „Umzug ins neue Büro“, „Erste schlaflose Nacht“.
3. Das Seil legen. Du legst das Seil so, wie es sich richtig anfühlt. Gerade, in Kurven, mit Schlaufen. Ein Zentimeter ist kein Tag. Du bestimmst, wie lang ein Abschnitt ist. Wichtig: „Heute“ liegt nicht am Ende. Dahinter ist noch Platz.
4. Die Karten platzieren. Wo auf der Linie liegt welches Ereignis? Fühlt sich das stimmig an? Du kannst schieben, bis es passt.
5. Die Linie abgehen. Jetzt gehst du los. Langsam. Bei jedem Ereignis bleibst du stehen. Was spürst du hier? Wo im Körper? Was war damals los? Viele merken an einer bestimmten Stelle: Hier wurde es eng. Und hier habe ich es zum ersten Mal ignoriert.
6. Ressourcen sammeln. An schwierigen Stellen frage ich: „Was hat dir damals geholfen?“ Die Antworten schreiben wir auf Karten in einer anderen Farbe und legen sie daneben. Ein freier Abend. Ein Gespräch mit einer Kollegin. Der Spaziergang in der Mittagspause, den du irgendwann gestrichen hast.
7. Die Frühwarnsignale benennen. Von außen schaust du auf die ganze Linie. Was waren die ersten Zeichen? Schlecht schlafen? Gereizt sein? Kein Lachen mehr in der Mittagspause? Diese Signale schreiben wir auf. Sie sind dein persönliches Warnsystem.

Die Linie zeigt, wann es eng wurde – und was damals geholfen hat.
8. Im Heute ankommen. Wir enden immer beim Heute. „Schau, was du alles geschafft hast.“ Wer mag, macht noch einen Schritt in die Zukunft: Wie soll es weitergehen?
9. Mitnehmen. Die Ressourcenkarten nimmst du mit. Sie sind dein Material für die nächsten Wochen.
Dauer: etwa 60 bis 75 Minuten. Material: ein Seil, Karten in zwei Farben, ein Stift.
Was danach anders ist
Du siehst dein Muster. Nicht als Vorwurf, sondern als Ablauf. Erst kommt das Mehr an Arbeit. Dann der gestrichene Ausgleich. Dann der schlechte Schlaf. Wer den Ablauf kennt, kann früher eingreifen.
Du kennst deine Frühwarnsignale. Und du merkst sie das nächste Mal früher. Vielleicht schon beim zweiten Mal Handy auf dem Sofa, nicht erst um zwei Uhr nachts.
Du hast deine Ressourcen wieder. Was dir früher geholfen hat, liegt jetzt auf dem Tisch. Ein Teil davon ist sofort wieder einsetzbar. Oft ist es etwas Kleines.
Du entscheidest, was du loslässt. Nicht jede Aufgabe muss bei dir landen. Nicht jeder Ausfall muss von dir aufgefangen werden. Das ist kein Zeitmanagement. Das ist eine Haltung. Und sie lässt sich üben.
Ein wichtiger Hinweis
Wenn du schon körperliche Beschwerden hast, lass sie bitte ärztlich abklären. Das gilt besonders für anhaltende Schlafprobleme, Herzrasen, Schmerzen oder Erschöpfung, die auch nach freien Tagen nicht weggeht. Coaching ersetzt keine Behandlung. Es ergänzt sie. Wenn ich merke, dass etwas anderes dran ist als Coaching, sage ich dir das.
Hinweis: Diese Szene gibt es so nicht. Sie ist aus mehreren Beratungsverläufen zusammengesetzt, der Name ist erfunden – keine reale Person, kein realer Fall.