Führen auf Distanz: neun Kacheln und keine Antwort
Montag, 9:30 Uhr, Wochenstart im Call. Sandra sieht neun Kacheln. Vier davon mit Kamera. Eine zeigt eine Zimmerpflanze, eine einen Namen in weißer Schrift auf grauem Grund. Bei einem Kollegen friert das Bild ein, mitten im Gähnen. Er bleibt so für den Rest des Termins.
Sandra geht die Themen durch. Status, Termine, Risiken. Alle nicken. Zumindest die, die man sieht.
„Gibt es noch was?“, fragt sie.
Stille. Irgendwo klappert eine Tastatur. Jemand ist gerade woanders.
„Gut, dann bis nächste Woche.“
Klick. Allein vor dem dunklen Bildschirm fragt sich Sandra: Wie geht es meinem Team eigentlich? Wer ist gerade überlastet? Wer überlegt zu gehen? Wer hat seit drei Wochen nichts gesagt?
Die Antwort kennt sie nicht. Sicher weiß sie nur, wer pünktlich liefert.
Was dahintersteckt
Führen auf Distanz ist kein Sonderfall mehr. Teams arbeiten im Homeoffice, an mehreren Standorten, in unterschiedlichen Zeitzonen. Das funktioniert erstaunlich gut. Was dabei verloren geht, merkt man erst spät. Drei Muster begegnen mir im Coaching für Führungskräfte dabei immer wieder.
Die Kaffeemaschine fehlt
Im Büro erfährst du vieles nebenbei. Wer schlecht gelaunt ist. Wer mit wem nicht kann. Wer gerade Stress zu Hause hat. Remote fällt das alles weg. Was bleibt, ist der Kalender. Und im Kalender stehen Aufgaben, keine Stimmungen.
Nähe und Distanz verrutschen
Manche Führungskräfte werden remote zur Kumpelin. Viel Chat, viel Emoji, kaum Klarheit. Andere ziehen sich ganz aufs Sachliche zurück. Nur noch Status und Fristen. Beides ist verständlich. Beides macht es schwer, im richtigen Moment das Richtige zu sagen.
Das Bild im Kopf ist veraltet
Viele haben ein inneres Bild ihres Teams. Wer nah dran ist, wer am Rand steht, wer zuverlässig ist. Dieses Bild stammt oft aus einer Zeit, in der man sich noch täglich gesehen hat. Seitdem hat sich vieles verschoben. Das Bild nicht.
Genau dieses Bild schauen wir uns an. Und zwar nicht im Gespräch, sondern auf dem Brett.
Die Methode: das Systembrett
Das Systembrett ist eine Methode aus der systemischen Beratung. Auf einem Brett stellst du mit Figuren auf, wie dein Team gerade aussieht. Jede Figur steht für eine Person. Abstände, Blickrichtungen und Gruppen zeigen Beziehungen, die man sonst nur ahnt.
Normalerweise steht das Brett auf dem Tisch. Für das Coaching für Führungskräfte online nutze ich ein digitales Brett. Du schiebst die Figuren selbst, ich stelle die Fragen. Das funktioniert, wenn wir uns Zeit lassen. Vorher erkläre ich dir das Prinzip in Ruhe. Danach brauchst du keine Technik-Kenntnisse mehr.

So sieht das Systembrett im Beratungsraum aus. Online arbeiten wir mit derselben Logik auf einem digitalen Brett.
So läuft es ab
1. Die Frage klären. Worum geht es dir? Zum Beispiel: „Wo stehe ich in Bezug auf mein Team?“ Oder: „Warum kommt bei mir so wenig an?“
2. Figuren auswählen. Für jede Person im Team wählst du eine Figur. Groß oder klein, rund oder eckig, hell oder dunkel. Du entscheidest aus dem Bauch, nicht nach Organigramm. Eine Figur bist du selbst. Bei Bedarf kommen weitere dazu, zum Beispiel deine eigene Führung.
3. Das Ist-Bild stellen. Du stellst die Figuren so, wie es sich gerade anfühlt. Wer steht nah bei wem? Wer schaut wohin? Wo ist Platz, wo ist Gedränge? Erst mal ohne Erklärung.
4. Draufschauen. Was fällt dir auf? Oft sind es Kleinigkeiten mit großer Wirkung. Die eigene Figur steht weit weg. Oder schaut in die falsche Richtung. Oder zwei Figuren stehen dicht zusammen, und du hast das bisher nicht bemerkt.
5. Die Perspektive wechseln. Ich frage: „Stell dich gedanklich auf den Platz dieser Figur. Was siehst du von dort?“ Viele merken dabei: Von der Seite sieht die Führungskraft ziemlich weit weg aus.
6. Das Wunschbild stellen. Jetzt verschiebst du die Figuren so, wie es gut ist. Kein Ideal aus dem Lehrbuch. Ein Bild, das sich für dich und das Team stimmig anfühlt.

Links das Ist-Bild, rechts das Wunschbild. Der Unterschied zeigt den nächsten Schritt.
7. Den Unterschied anschauen. Was hat sich verändert? Welche Figur ist gewandert? Welche Blickrichtung hat sich gedreht? Und vor allem: Was davon kannst du beeinflussen?
8. Den nächsten Schritt finden. Aus dem Unterschied entsteht ein konkreter Schritt. Nicht zehn. Einer. Zum Beispiel ein regelmäßiges Einzelgespräch mit der Person am Rand. Oder fünf Minuten im Wochencall, in denen es nicht um Aufgaben geht.
Dauer: etwa 45 bis 60 Minuten. Material: ein digitales Brett und eine stabile Verbindung. Kamera an hilft.
Was danach anders ist
Du hast ein aktuelles Bild. Nicht das aus dem letzten Jahr, sondern das von heute. Mit allen Verschiebungen, die im Alltag untergegangen sind.
Du weißt, wo du stehst. Viele sehen auf dem Brett zum ersten Mal, wie weit sie selbst vom Team entfernt sind. Oder wie nah. Beides ist eine wertvolle Information.
Du fragst anders. „Gibt es noch was?“ wird zu einer gezielten Frage an eine Person. Das bringt in drei Minuten mehr als die Stille am Ende jedes Calls.
Nähe entsteht wieder bewusst. Remote passiert sie nicht nebenbei. Aber sie lässt sich gestalten. Mit kleinen Ritualen, klaren Zeiten und dem Mut, auch mal nach dem Befinden zu fragen statt nach dem Status.
Hinweis: Diese Szene gibt es so nicht. Sie ist aus mehreren Beratungsverläufen zusammengesetzt, der Name ist erfunden – keine reale Person, kein realer Fall.