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Gehen oder bleiben? Mit der 90-Grad-Methode raus aus der Entscheidungsschleife

Gehen oder bleiben. Ja oder nein. Du drehst seit Monaten dieselbe Runde. Wie die 90-Grad-Methode dich aus der Schleife holt.

Anlass: Die Entscheidung, die du vor dir herschiebstMethode: 90-Grad-MethodeLesezeit: 5 Minuten

Gehen oder bleiben: die Pro-und-Contra-Liste, Version 14

Nadines Kündigung liegt seit Februar als Entwurf im Ordner. Dateiname: „final_wirklich_final.docx“. Abgeschickt hat sie sie nie. Gelöscht auch nicht.

Die Pro-und-Contra-Liste hat inzwischen zwei Seiten. Auf der einen steht: sicherer Job, nette Kollegen, kurzer Weg. Auf der anderen: Langeweile, keine Entwicklung, dieses Ziehen am Sonntagabend. Die Spalten sind fast gleich lang. Jede neue Zeile auf der einen Seite bekommt innerhalb von Tagen eine Antwort auf der anderen.

Die beste Freundin sagt nur noch „Mhm“, wenn das Thema kommt. Der Partner hat aufgehört, Meinungen zu haben. Nadine selbst wacht nachts auf und rechnet. Wenn sie geht, dann … Aber wenn sie bleibt, dann …

Es ist Oktober. Die Runde dreht sich weiter. Gleiche Strecke, gleiche Kurven, kein Ziel.

Was dahintersteckt

Wer seit Monaten an einer Entscheidung kaut, hat kein Informationsproblem. Die Fakten liegen längst auf dem Tisch. Noch eine Liste, noch ein Gespräch, noch ein Artikel über „fünf Zeichen, dass es Zeit zum Kündigen ist“ – nichts davon bringt Bewegung. Drei Muster sehe ich dabei immer wieder.

Die Schleife ist schon eine Entscheidung

Wer nicht entscheidet, entscheidet trotzdem. Nämlich für den Status quo, nur ohne es zuzugeben. Die Schleife fühlt sich anstrengend an, aber sie hat einen Vorteil: Sie schützt vor dem Moment, in dem es ernst wird. Solange du überlegst, kann nichts schiefgehen. Das ist bequem und zermürbend zugleich.

Der Kopf rechnet, der Körper weiß es längst

Listen sind Kopfarbeit. Der Kopf ist gut darin, Argumente zu finden – für beide Seiten, endlos. Der Körper ist da direkter. Bei einer Option wird der Atem flach, bei der anderen werden die Schultern weich. Diese Signale sind meistens schon lange da. Sie kommen nur in keiner Spalte vor.

Manchmal ist es gar nicht deine Frage

Ein unterschätztes Muster: Die Entscheidung gehört gar nicht dir. Sie kommt von außen – von Erwartungen, vom Umfeld, von einem Bild, wie man in deinem Alter zu leben hat. Kein Wunder, dass sich keine Antwort stimmig anfühlt. Wer das erkennt, darf die Frage auch zurückgeben. Das ist keine Niederlage. Das ist Aufräumen.

Die Methode: die 90-Grad-Methode

Für Dilemmata mit zwei Optionen arbeite ich gern mit der 90-Grad-Methode. Sie ist schnell, sehr körperlich und erstaunlich wirksam. Vor allem holt sie dich aus dem Kopf. Wir arbeiten im Raum, mit zwei Seilen und zwei Karten.

Skizze der 90-Grad-Methode: ein Seil zwischen den Karten „Gehen“ und „Bleiben“, ein zweites Seil im rechten Winkel führt aus dem Dilemma heraus

Erst pendeln, dann aussteigen, dann aus Abstand zurückschauen.

So läuft es ab

1. Das Dilemma auslegen. Ein kurzes Seil liegt auf dem Boden. An einem Ende liegt eine Karte mit Option 1, zum Beispiel „Gehen“. Am anderen Ende Option 2: „Bleiben“. Vorab eine Spielregel: Der faule Kompromiss irgendwo neben dem Seil zählt nicht. Der funktioniert ohnehin selten.

2. In Option 1 hineinspüren. Du stellst dich auf das eine Ende. Was passiert im Körper? Wird es eng, warm, leicht, schwer? Welche Gedanken kommen? Wir reden nicht darüber, ob die Option vernünftig ist. Wir schauen, wie sie sich anfühlt.

3. Langsam zur anderen Seite. Du gehst Schritt für Schritt über das Seil zu Option 2. Was ändert sich unterwegs? Was ist am anderen Ende anders? Auch wenn es dich nicht dorthin zieht: Du stehst einmal auf beiden Polen.

4. Pendeln. Mindestens einmal, besser zweimal hin und her. Die Unterschiede werden mit jedem Gang deutlicher. Dann suchst du dir auf dem Seil den Platz, der sich am besten anfühlt. Das ist eine Information für mich, noch keine Antwort.

5. Das zweite Seil. Jetzt lege ich ein zweites Seil, im rechten Winkel zum ersten, von der Mitte aus. Es führt weg vom Dilemma. Meine Einladung: „Steig mal aus.“

6. Rausgehen. Du gehst auf diesem Seil nach draußen, weg von Gehen und Bleiben. Langsam. Nicht zu früh zurückschauen. Was kommt an Gefühlen, an Gedanken?

7. Weitergehen. Auch wenn du nicht willst. Irgendwann fühlt es sich gut an, und du willst stehen bleiben. Genau dann schicke ich dich noch ein Stück weiter. Hier passiert das Eigentliche. Solange du in der Nähe des alten Seils stehst, hängst du noch im Bannkreis des Dilemmas. Mit Abstand tauchen Ideen auf, die vorher keinen Platz hatten. Manchmal ist es eine dritte Option. Manchmal die Erkenntnis, dass es um etwas ganz anderes geht.

8. Zurückschauen. Aus der Entfernung schaust du auf das erste Seil. Wie wirkt das Dilemma von hier? Am Ende entscheidest du, welches Bild du mitnimmst: noch ein Schritt weiter oder zurück in den Raum. Richtig oder falsch gibt es dabei nicht.

Wichtig: Während der Übung analysieren wir nicht. Du bleibst im Erleben, nicht im Erklären. Das fällt Kopfmenschen schwer. Gerade deshalb wirkt es.

Und wenn beide Optionen sich falsch anfühlen?

Dann nehme ich das Tetralemma dazu. Es ergänzt die zwei Optionen um zwei weitere Positionen: „Beides“ und „Keines von beidem“. Gerade die letzte ist spannend. Dort zeigt sich oft: Darum geht es gar nicht – sondern um etwas anderes.

Was danach anders ist

Die Entscheidung fällt nicht im Coaching. Sie fällt danach, in deinem Alltag, in deiner Verantwortung. Ich gebe keine Empfehlung ab, und ich mache keinen Druck. Trotzdem ändert sich etwas.

Du hast eine Antwort im Körper, nicht nur auf Papier. Viele wissen nach der Übung sehr genau, wo sie stehen. Nicht, weil die Argumente besser geworden sind. Sondern weil sie gespürt haben, wo sie aufatmen.

Du siehst den dritten Weg. Oft taucht beim Rausgehen eine Möglichkeit auf, die in keiner Liste stand. Eine Teilzeitlösung, ein Gespräch, das nie geführt wurde, eine Frist statt eines Entweder-oder.

Die Runde hört auf. Selbst wenn die Entscheidung noch Zeit braucht: Sie dreht sich nicht mehr im Kreis. Sie liegt da, sortiert, mit Abstand betrachtet. Das spart nachts eine Menge Rechenleistung.

Und falls sich herausstellt, dass es gar nicht deine Frage war: Dann ist das vielleicht die größte Entlastung von allen.

Hinweis: Diese Szene gibt es so nicht. Sie ist aus vielen Coachingverläufen zusammengesetzt, der Name ist erfunden – keine reale Person, kein realer Fall.

Und jetzt?

Du drehst seit Monaten dieselbe Runde? Dann lass uns aussteigen.

Ich bin systemische Beraterin und Coachin in Radebeul bei Dresden. Ich höre beiden Seiten in deinem Kopf zu, ohne Partei zu ergreifen. Deine Entscheidung treffe ich nicht für dich. Aber ich sorge dafür, dass du wieder entscheiden kannst.

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